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Ingrid Pieper-von Heiden

für OWL im Landtag

Reden

Rede vom 30.03.2011

Linke Drucksache 15/134 15/135 15/1551

Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe in den Gymnasien und Gesamtschulen / Gesetz zur Änderung des Schulgesetzes / Rücknahme des Turboabiturs

- es gilt das gesprochene Wort -

Ingrid Pieper-von Heiden (FDP): Danke. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen der Linken, an fehlender Logik ist das wirklich nicht zu toppen. Einerseits wollen Sie die Gymnasien so schnell wie möglich abschaffen, andererseits machen Sie sich in Ihrem Antrag Gedanken über die innere Organisation der erfolg-reichsten Schulform, die wir hier in Nordrhein-Westfalen haben.

Ihr Antrag und Ihr Gesetzentwurf sind eine Mischung aus geheuchelter Fürsorge, Populismus, aber auch Realitätsverweigerung. Wer allen Ernstes die Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs in der Sekundarstufe I mit einem Federstrich zurücknehmen will, stürzt die Schulen in ein Chaos.

Wir brauchen aber nicht mehr Unruhe. Wir brauchen keine Aushöhlung der Gymnasien. Schon gar nicht brauchen wir die chaotische Haltung: Rein in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln. Das hat auch die übergroße Mehrheit der Vertreter in der Anhörung sehr deutlich gemacht. Die schon im Wahlkampf von Rot und Grün zuckersüß angekündigte Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hätte die reine Chaotisierung bedeutet. Letztlich hat das auch die Reaktion der Praxis bewiesen: Lediglich 14 Schulen wollten sich an diesem Modellversuch beteiligen.

Man musste sich nur die Kommentare einiger Schulleiter zu diesen erneuten Eingriffen in die Gymnasien anhören: Ein Schulleiter aus Recklinghausen nannte es ausgemachten Unsinn. Ein zweiter aus Datteln sprach von einer abstrusen For-derung, ein dritter aus Marl von dem größten Horror. Und so weiter. Auch Prof. Boos verlangte zu Recht das Festhalten am verkürzten gymnasialen Bildungsgang. Prof. Boos hat auch mit seinen ergänzenden Forderungen recht: mehr Ganztag an Gymnasien und eine weitere Entschlackung der Lehrpläne.

Die Schulen müssen aus Sicht der FDP in der Tat ihre Stundenpläne altersgemäßer organisieren, um besonders die Jüngsten zu entlasten. Und wir brauchen in den Ergänzungsstunden eine fachliche Aufgabenbetreuung mit individueller Förderung, das heißt: inhaltlicher Wiederholung wo nötig, aber auch Vertiefung des Lernstoffes, wie wir das seit zwei Jahren vorschlagen. Diese konsequenten Verbesserungen haben wir immer wieder gefordert und wir werden sehr genau beobachten, ob die Landesregierung ihre angebliche Unterstützung auch wirklich umsetzt.

Wer den Haushaltsentwurf 2011 zur Hand nimmt, muss zur Kenntnis nehmen, dass Sie bei der sächlichen Unterstützung beim Ganztagsausbau im Zuge der Ganztagsoffensive von einem sogenannten Restbetrag von 25 Millionen € sprechen, Frau Ministerin. Das bedeutet im Vergleich zu 2010 eine Rückführung um 25 Millionen €. Zusätzliche Unterstützung der lange vernachlässigten Schulformen klingt für mich ein bisschen anders. Eine beherzte neue Ganztagsinitiative wie unter Schwarz-Gelb ist da nicht zu erkennen.

Meine Damen und Herren, trotz dieser kritischen Einschätzung bezüglich des rot-grünen Handelns muss man konstatieren: Die Landesregierung hat einen Bericht vorgelegt, in dem bekannte Mängel aufgezeigt wurden. Sie hat einige, wenn auch meist abgeschriebene, Verbesserungsvorschläge unterbreitet. Daher macht auch der hinterhergeschobene Entschließungsantrag der Linken zu ihrem eigenen Gesetzentwurf keinen Sinn. Offenbar hat die Linke erst in der Anhörung gemerkt, dass sie mit ihrem Gesetzentwurf auf der falschen Spur war. Und wenn man das merkt, sollte man die Spur eigentlich auch wechseln; Sie sind ja selber nicht mehr wirklich davon überzeugt.

Die FDP wird weder dem Gesetzentwurf noch dem Entschließungsantrag zustimmen. In einem Punkt allerdings liegt der Antrag der Linken zur gymnasialen Oberstufe nicht falsch: Wir brauchen eine Reform. Aber auch da sage ich das, was Herr Große Brömer gesagt hat: Die sollte nach dem doppelten Abiturjahrgang kommen.

Aber anders, als Sie offenbar glauben, Frau Böth, ist eine Oberstufe keine Spaßveranstaltung, in der jeder so lange oder so kurz verweilt, wie er möchte. Den Unterricht der Oberstufe besucht man nicht, wie es die außerschulischen Aktivitäten eben gerade so erlauben. In gymnasialen Oberstufen wird die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erworben. Das heißt, es handelt sich nicht um einen Selbsterfahrungstrip, sondern die Oberstufe eröffnet Chancen durch Leistung Gerade deshalb müssen wir die Ausbildungs- und Studierfähigkeit weiter stärken. Und wir müssen zukünftig ein besonderes Augenmerk auf die Kernfächer legen. Unser Ziel muss künftig tatsächlich sein, ein Abitur in Modulen zu ermöglichen – aber anders, als sich die Linke das vorstellt. So könnte zum Beispiel ein Oberstufenschüler bei herausragenden Leistungen in Mathematik in dem Fach seiner besonderen Stärke die Abiturprüfung vielleicht früher ablegen. Das heißt, es sollten nach unserer Auffassung je nach Begabung Teilabiturprüfungen möglich werden.

Durch eine solche Modularisierung wird Jugendlichen die Chance eröffnet, bereits in der Oberstufe durch den gewonnenen zeitlichen Freiraum an die Universitäten zu gehen, ein Grundstudium zu beginnen, auch Scheine zu erwerben und Prüfungen abzulegen – das passiert alles schon in der Praxis, nur muss man auch ganz klar dazu sagen: Es gibt junge Leute, die ihr Grundstudium in einem Fach beendet haben und in demselben Fach in Gänze noch einmal das Abitur ablegen müssen. Das macht keinen Sinn; unter diesem Aspekt sollten wir wirklich auch noch einmal an dieses Thema herangehen.

Es gibt einige gute Beispiele im Land für gute Kooperationen zwischen Schulen und Hochschulen, wo wirklich hervorragende Leistungen erbracht werden. Das soll eine Möglichkeit und keine Vor-schrift werden. aber man muss es einfach ins Auge fassen. Es machte wirklich keinen Sinn, sollte ein Schüler, der längst in der Oberstufe angekommen ist, noch die Prüfung der Sekundarstufe I ablegen – vergleichbar verhält es sich nämlich mit einem Oberstufenschüler, der das Grundstudium absol-viert hat – in Münster gibt es dazu viele Beispiele –, aber hinterher noch das Abitur in demselben Fach ablegen muss.

Ich finde es richtig, verantwortlich mit der Zeit junger Menschen umzugehen. Das heißt, wenn sie beson-dere Begabungen besitzen, sind sie schon mit ei-nem Bein an den Universitäten, aber auch ganz fest in ihrer Schule in der Oberstufe verankert, bis sie auch den Rest des Abiturs machen – das wäre der Vorschlag der FDP.
Wenn wir zum geeigneten Zeitpunkt über dieses Thema sprechen, hoffe ich, dass diese Vorschläge hier in das Regierungshandeln einfließen können, denn wir halten sie für gut. – Danke schön.

Präsident Eckhard Uhlenberg: Vielen Dank, Frau Abgeordnete Pieper-von Heiden.


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Ingrid Pieper-von Heiden


im Plenarsaal des Landtages

Im Gespräch


Ingrid Pieper-von Heiden, Wolfgang Gerhardt

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