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Ingrid Pieper-von Heiden

für OWL im Landtag

Pressemitteilungen

Pressemitteilungen vom 15.08.2011:

Pieper-von Heiden: Differenzierte Bewertung der Sekundarschule

"Grundsätzlich begrüße ich persönlich durchaus, dass durch eine schulgesetzliche Verankerung der Sekundarschule Klarheit vor Ort und erweiterte Verbundmöglichkeiten bestehender Schulen der Sekundarstufe I geschaffen werden. Mittelfristig wird sich zumindest im ländlichen Raum vermutlich eine Zweigliedrigkeit des Schulsystems in der Sekundarstufe I entwickeln.Problematisch ist für mich allerdings die Tatsache, dass ohne jeden Sachzwang, wie z. B. zu geringe Zügigkeit einer Sekundarschule – denn sie ist ja mindestens dreizügig, der Zwang zu integriertem Unterricht in der 5. und 6. Klasse gegeben ist. Eine dreizügige Schule kann man sehr gut in differenzierte Bildungsgänge aufteilen. Tut man es nicht, ist dies eine ideologische Entscheidung oder meinetwegen Glaubensfrage Unwissender, weil es bislang nicht eine einzige wissenschaftlich belegte Aussage dazu gibt, dass längeres gemeinsames Lernen allen Schülern nütze. Hingegen gibt es empirische Studien, die belegen, dass gemeinsames Lernen über die 4. Klasse hinaus zumindest den leistungsstarken sowie den ganz schwachen Schülern eher schadet.

In der Tat gibt es zwar – auch in Nordrhein-Westfalen – einige wenige Schulen, die aufgrund besonderer pädagogischer Herausforderungen und bereits erfolgter umfassender Fortbildung der Lehrkräfte dazu in der Lage sind, individuelle Förderung auch tatsächlich im Unterricht umzusetzen. Aber gerade auch die Qualitätsanalyse von NRW-Schulen hat vor nicht langer Zeit verdeutlicht, dass über alle Schulformen hinweg die individuelle Förderung leider noch nicht funktioniert, weil entsprechende Fortbildung in der Fläche noch nicht vorhanden ist. Geeignete Fortbildungsmaßnahmen habe ich persönlich vor drei Jahren als Stiftungsvorsitzende mit hohem Mitteleinsatz auf den Weg gebracht (wissenschaftliche Entwicklung und erste Umsetzung in die Praxis – seinerzeit in Abstimmung mit dem Schulministerium). Diese umfassende Fortbildung „Spezialist Individuelle Förderung“ haben ausgewählte Gütesiegelschulen bereits bekommen und bildet jetzt die Grundlage für die Bertelsmann-Stiftung für eine zukünftige Anwendung in der Fläche. Allerdings sollen in den nächsten Jahren zunächst nur wenige Sekundarschulen in ausgesuchten Gebieten in den Genuss einer solchen fachlichen Fortbildung gelangen, die Grundlage dafür ist, verantwortungsvoll mit größerer Heterogenität umgehen zu können. Das Gros der Sekundarschulen wird mit dieser Herausforderung allein gelassen. Mit dem vollintegrierten Unterricht an einer Sekundarschule wird also das Pferd von hinten aufgezäumt – d.h. erst schafft man den gemeinsamen Unterricht, und irgendwann in ein paar Jahren kommt hinterher eine passende Fortbildung für die Lehrer. So darf man m.E. verantwortungsvoll nicht mit den geistigen Ressourcen unserer Kinder umgehen, denn man riskiert, dass frühestens und erstmals in rund 7 Jahren zu Beginn einer Ausbildung der ersten Absolventen von Sekundarschulen von den ausbildenden Betrieben festgestellt wird, dass es doch größere Bildungsdefizite gibt, die vorher kaum an das Licht der Öffentlichkeit kommen werden.
Dies ist für mich hinreichend Grund zu sagen, dass man zumindest in den nächsten Jahren bei differenzierten Klassen – sozusagen einer Grobaufteilung der Begabungen – bleiben muss, wenn einem die Bildungsqualität am Herzen liegt.

Ebenso bedenklich wie vollintegrierter Unterricht in der 5. und 6. Klasse ist dann die Tatsache, dass bei der Sekundarschule ab der 7. Klasse die jeweilige politische Mehrheit vor Ort entscheidet und nicht etwa die Pädagogen, Eltern und Schüler, ob es mit voll integriertem Unterricht weitergeht, ob teilintegriert unterrichtet wird, oder ob differenzierte Bildungsgänge bis zur 10. Klasse gebildet werden. Die Schulkonferenz soll hierzu vom Rat einer Kommune zwar angehört werden, es entscheiden jedoch einzig und allein die Ratsmitglieder einer Kommune. Dabei dürfte so manche politische / ideologische Entscheidung herauskommen.

Die Gefährdung bestehender Realschulen (durch dreizügige Sekundarschulen) und Gymnasien (durch leichter zu gründende 4-zügige Gesamtschulen mit nur 100 Schülern) erwähne ich hier nur am Rande, weil dieses Problem allseits bekannt ist.

Mein persönliches Petitum ist es, die Sekundarschule als Angebot für den Zusammenschluss von Schulen vor Ort zu akzeptieren, aber mit Argusaugen zu verfolgen und äußerst kritisch zu begleiten, was dort inhaltlich passiert. Ich werde nicht müde werden, auf die Problematik eines qualitätvollen gemeinsamen Unterrichts von Hauptschülern, Realschülern und auch Gymnasiasten ab der 5. Klasse hinzuweisen."
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Ingrid Pieper-von Heiden


im Plenarsaal des Landtages

Im Gespräch


Ingrid Pieper-von Heiden, Wolfgang Gerhardt

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