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Ingrid Pieper-von Heiden

für OWL im Landtag

Die individuelle Förderung stärken –Lehrerinnen und Lehrer zu Experten für individuelle Förderung fortbilden

Antrag

Mit der Verabschiedung des neuen Schulgesetzes im Jahr 2006 ist die individuelle Förderung jedes Schülers und jeder Schülerin als Leitidee nordrhein-westfälischer Bildungspolitik erstmals verankert worden. Im Jahr 2006 hat die Qualitätsanalyse mit der flächendeckenden Untersuchung der Stärken und Schwächen an den nordrhein-westfälischen Schulen begonnen. Die Ergebnisse der Qualitätsanalyse haben verdeutlicht, dass die individuelle Förderung an den Schulen nicht immer ausreichend verankert ist.

Die Ausgangslagen der Schülerinnen und Schüler variieren nach Leistungsstand, Lernstand und Lernbedarf vielfach erheblich. Aber auch geschlechtsspezifische Einflüsse oder die soziale Herkunft können die schulische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen positiv wie negativ beeinflussen. Die individuelle Förderung muss daher die Kinder differenziert in den Blick nehmen, um den unterschiedlichen Fördernotwendigkeiten des Einzelnen entsprechen zu können. Zu diesen Fördernotwendigkeiten zählen die Jungen- und Mädchenförderung, die Förderung von besonders begabten und besonders leistungsfähigen Schülern, die Förderung individueller Begabungen der Schülerinnen und Schüler im Leistungsmittelfeld, die Migrantenförderung, aber auch die Behebung von Lernschwierigkeiten oder der Kampf gegen die Schulmüdigkeit.

Die individuelle Förderung soll das einzelne Kind und den einzelnen Jugendlichen in den Blick nehmen, den Lernstand und Lernbedarf erfassen, die Potentiale entdecken und leistungsstandsgerecht fördern. Individuelle Förderung kann und darf sich nicht auf Teilabschnitte der schulischen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen beschränken. Sie muss an allen Schulformen und in allen Altersstufen die individuellen Fähigkeiten der Schüler analysieren und diesen im Sinne der bestmöglichen individuellen Förderung entsprechen. Die Talente und Fähigkeiten eines jeden Schülers und jeder Schülerin sind unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft und Leistungsvermögen zu fördern. Die individuelle Förderung ist damit ein zentrales Anliegen, um Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, ihr Leistungspotential voll zu entfalten und somit auch die Durchlässigkeit des Schulsystems zu stärken. In der letzten Legislaturperiode sind bereits vor dem Eintritt in die Schule mit der Frühförderung in den Kindertagesstätten und durch die vorschulische Sprachförderung wichtige Elemente eingeführt worden, die den Kindern einen möglichst erfolgreichen Start in ihre Schulzeit ermöglichen sollen. Auch wurde in den unterschiedlichen Schulformen durch die Einführung der Eigenverantwortlichen Schule eine Vielzahl positiver Projekte zur individuellen Förderung angestoßen. Dieses zeigt nicht zuletzt die Ausweitung der Anzahl der Gütesiegelschulen in Nordrhein-Westfalen und deren Qualität der schulischen Arbeit im Bereich der individuellen Förderung.

Mit der Neuakzentuierung der individuellen Förderung sind eine umfassende, neue pädagogische Betrachtungsweise der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers sowie ein Mentalitätswechsel verbunden, der sich auf Seiten der Lehrerschaft, der Schulleitung, der Schulaufsicht und der Eltern sukzessive durchsetzen muss. Die vielfältigen Konzepte, die an Schulen in Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit zwischen den Kollegien, den Schulleitungen, der Schulaufsicht und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung inzwischen Anwendung finden, verdeutlichen, dass sich alle Beteiligten in diesem Sinne auf den Weg gemacht haben, um in den nächsten Jahren die individuelle Förderung zum markanten Merkmal schulischer Realität in ganz Nordrhein-Westfalen zu entwickeln. Lehrerinnen und Lehrer brauchen bei einer erfolgreichen Umsetzung der individuellen Förderung an ihren Schulen Unterstützung. Der Fortbildung kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu. Es ist daher zu begrüßen, dass die Kompetenzteams NRW eine zentrale Rolle bei der Lehrerfortbildung einnehmen, dass die Fortbildungsbudgets der Schulen in den vergangenen Jahren erhöht worden sind und dass die Kompetenz zur Gestaltung und Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht allen künftigen Schulleiterinnen und Schulleitern vermittelt wird.

Mit der Umsetzung der individuellen Förderung ist ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik Nordrhein-Westfalens eingeleitet worden, der bereits durch eine Vielzahl zusätzlicher Maßnahmen von Seiten der Landespolitik unterstützt worden ist. Dennoch benötigt ein solcher Paradigmenwechsel Zeit, bis das Ziel der individuellen Förderung flächendeckend an allen Schulen Nordrhein-Westfalens verwirklicht ist.

Um diesen Weg kontinuierlich weiter voranzuschreiten und die individuelle Förderung auch über die Gütesiegelschulen hinaus flächendeckend in Nordrhein-Westfalen zu verankern, ist es notwendig, die Kenntnisse der Lehrerinnen und Lehrer zur Vermittlung individueller Förderung zu stärken. Mit dem neuen Lehrerausbildungsgesetz hat die schwarz-gelbe Koalition die Grundlage gelegt, dass die zukünftig ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer bereits im Studium auf diese pädagogischen Anforderungen vorbereitet werden und die individuelle Förderung als einen Teil ihres schulischen Wirkens begreifen. Hierzu zählt auch die Fähigkeit, innerhalb der einzelnen Kollegien beratend und unterstützend tätig zu werden. Jedoch haben die jahrzehntelangen Versäumnisse dazu geführt, dass viele der heute bereits im Schulsystem tätigen Lehrerinnen und Lehrer eine umfassende Unterstützung bei der Umsetzung dieses neuen pädagogischen Leitgedankens in den schulischen Alltag benötigen.

Hierzu zählen die Qualifizierung zu einer verbesserten Wahrnehmung, Deutung und Dokumentation individuellen Lernstandes zur Unterstützung der Entwicklung einer langfristig tragfähigen Lern- und Leistungsmotivation der Schülerinnen und Schüler, die Qualifizierung für eine Lernberatung, die auch dazu beiträgt, geeignet mit Enttäuschungen und Rückschlägen umzugehen sowie die Qualifizierung für die Gestaltung geeigneter Fördermaßnahmen und individualisierenden Unterrichts. An der OECD-Studie "Talis" haben die Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland nicht teilgenommen. Auch wenn die Daten der Befragungen in hohem Maße auf subjektiven Einschätzungen der Lehrerinnen und Lehrern in den teilnehmenden Ländern beruhen, hat die Auswertung dieser Studie dennoch verdeutlicht, dass es für die Umsetzung der in Fortbildungen erlernten neuen pädagogischen und didaktischen Fertigkeiten sinnvoll ist, „Expertinnen und Experten für individuelle Förderung und Unterrichtsentwicklung“ auszubilden. Diese Expertinnen und Experten können die Schulleitung bei der Aufgabe der Gestaltung und Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht unterstützen. Daher soll den Schulen in den nächsten Jahren ermöglicht werden, Expertinnen und Experten für individuelle Förderung und Unterrichtsentwicklung auszubilden. So werden Lehrerinnen und Lehrer befähigt, im inhaltlichen Austausch mit ihren Kollegien als Ansprechpartner und als Motor der flächendeckenden Durchsetzung des Leitbilds der individuellen Förderung in ganz Nordrhein-Westfalen zu wirken. Die Expertinnen und Experten für individuelle Förderung und Unterrichtsentwicklung sollen die Lehrerinnen und Lehrer ihrer Schule im Bereich der individuellen Förderung weitergehend unterstützen, individuelle Lernstände und Lernbedarfe geeignet und kontinuierlich zu erheben, stärkenorientierte Rückmeldungen zu geben, individuelle Lernangebote zu organisieren, individuelle Lernentwicklungen im Zusammenwirken mit Förderung zu dokumentieren und hinsichtlich des Bildungsverlaufs zu beraten.

I. Der Landtag begrüßt,
1. dass die individuelle Förderung als Leitbild erfolgreicher Schulpolitik insbesondere durch die Gütesiegelschulen sukzessive in die Fläche getragen und in allen Schulen in Nordrhein-Westfalen konsequent zum pädagogischen Bestandteil schulischer Realität entwickelt wird,

2. dass die Kompetenz zur Gestaltung und Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht allen künftigen Schulleiterinnen und Schulleitern vermittelt wird.

II. Der Landtag fordert die Landesregierung auf,
1. existierende, zum Beispiel vom Landeskompetenzzentrum für Individuelle Förderung NRW entwickelte Fortbildungskonzepte für individuelle Förderung und Unterrichtsentwicklung einzusetzen, damit das Konzept an den Schulen in Nordrhein-Westfalen tatsächlich auch umgesetzt werden kann,

2. Potenziale, Profilierungen und Leistungen der Gütesiegelschulen in geeigneter Form einzubeziehen und zu nutzen,

3. hierbei insbesondere die Fortbildung und damit die Kenntnisse zur individuellen Förderung der Lehrerinnen und Lehrer zu stärken.

Dr. Gerhard Papke
Ralf Witzel
Ingrid Pieper-von Heiden
und Fraktion


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Ingrid Pieper-von Heiden


im Plenarsaal des Landtages

Im Gespräch


Ingrid Pieper-von Heiden, Wolfgang Gerhardt

Weiterbildung