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Ingrid Pieper-von Heiden

für OWL im Landtag

Mit welchen weiteren Maßnahmen will die Landesregierung einen differenzierten Unterricht an den sogenannten Gemeinschaftsschulen noch verhindern?

Kleine Anfrage 160

Die sogenannte Gemeinschaftsschule, die als Schulversuch am Parlament vorbei genehmigt werden soll und deren Eckpunkte die Ministerin für Schule und Weiterbildung am 20. September 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt hat, sieht eine massive finanzielle und personelle Privilegierung dieser Schulen im Vergleich zu den anderen Schulformen vor. Das Konzept der Landesregierung verdeutlicht ebenfalls, dass hiermit ein ideologisch gewolltes, sogenanntes „längeres gemeinsames Lernen“ durchgesetzt werden soll, für dessen Erfolg es keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt.

Die schulstrukturellen Fragen und ideologischen Betrachtungen pädagogischer Wirkungsweisen und nicht die für die Kinder und Jugendlichen entscheidenden Qualitätsaspekte stehen im Vordergrund der Ausgestaltung der sogenannten Gemeinschaftsschulen. Dies wird nicht zuletzt durch den auf der Seite des Ministeriums für Schule und Weiterbildung veröffentlichten „Leitfaden für Schulen und Gemeinden, die sich am Schulversuch „Längeres Gemeinsames Lernen – Gemeinschaftsschule“ beteiligen wollen“ verdeutlicht.

Dieses pädagogisch fragwürdige Konzept des sogenannten „längeren gemeinsamen Lernens“ soll offenbar möglichst weitgehend, gewünscht bis einschließlich der 10. Klasse, ausgedehnt werden.
Die strukturelle Ausgestaltung der sogenannten Gemeinschaftsschulen veranschaulicht auffällig, dass die Landesregierung den Schülern, Eltern und Lehrern an den sogenannten Gemeinschaftsschulen lediglich eine scheinbare Entscheidungsfreiheit zur Unterrichtung in differenzierten Bildungsgängen ab der 7. Klasse zugestehen will. Dies wird sowohl an den sogenannten Eckpunkten als auch in dem sogenannten Leitfaden deutlich. Entsprechend dem Vorgehen der Landesregierung bei der Gründung sogenannter Gemeinschaftsschulen sollen offenbar auch bei der pädagogischen Ausgestaltung bereits errichteter sogenannter Gemeinschaftsschulen den betroffenen Schülern, Lehrern und Eltern möglichst wenig Mitgestaltungsspielraum gewährt werden. Bereits in der Pressemitteilung vom 20. September 2010 „Startschuss für NRW-Gemeinschaftsschule“ des Ministeriums für Schule und Weiterbildung sowie in den bereits erwähnten Eckpunkten zum „Modellvorhaben Gemeinschaftsschule“ belegt die Landesregierung durch die Ressourcenausstattung eindrucksvoll, welches pädagogische Konzept gewünscht ist.

So wird auch integriert arbeitenden sogenannten Gemeinschaftsschulen ab der 7. Klasse ein Klassenfrequenzhöchstwert von 25 Schülern zugestanden. Gleichzeitig schnellt dieser Wert an sogenannten Gemeinschaftsschulen, die ab der 7. Klasse in kooperativer Form in unterschiedlichen Bildungsgängen unterrichten, auf 29 Schüler. Offensichtlich verbirgt sich hinter dieser Ausgestaltung ein deutlicher Lenkungswille von Seiten der Landesregierung.

Jedoch scheint sich die Landesregierung nicht einmal der dann bereits gegründeten sogenannten Gemeinschaftsschulen sicher zu sein und fürchtet die pädagogischen Entscheidungen der Schulen vor Ort. Lautete in der Pressemitteilung vom 20. September 2010 die Formulierung noch, für „die 7. Klasse oder später entscheiden die Schulen, ob die Kinder weiter gemeinsam oder nach schulformspezifischen Bildungsgängen getrennt unterrichtet werden“, so hat die Landesregierung offenbar diesbezüglich inzwischen ihre Meinung geändert. So lautet die Formulierung in dem vom Ministerium für Schule und Weiterbildung veröffentlichten Leitfaden inzwischen: „Der Schulträger entscheidet mit allen Beteiligten, wie es nach der sechsten Klasse weitergeht: Lernen alle gemeinsam weiter, oder werden die Schulformen durch verschiedene Zweige abgebildet?“ Und an späterer Stelle: „Ob die Gemeinschaftsschule weiter mit heterogenen Klassenverbänden und je nach Fach mit innerer oder auch äußerer Differenzierung in Fachleistungskursen arbeitet oder mit zwei oder drei festen Bildungsgängen (beispielsweise Gymnasium und Realschule und Hauptschule als gemeinsamer Bildungsgang oder Gymnasium / Realschule / Hauptschule) ist eine Entscheidung, die der Schulträger unter Beteiligung der Schulkonferenz vor Ort trifft.“

So wird die Entscheidung über eine pädagogische Ausgestaltung sowohl von den betroffenen Schülern und Eltern an der Schule als auch von den Schulleitungen und dem Lehrerkollegium hin zu den politisch besetzten Schulträgern verlagert. Offensichtlich fürchtet die Landesregierung die pädagogischen Einschätzungen der Betroffenen vor Ort oder traut den Schulträgern eine höhere Fähigkeit zur pädagogischen Einschätzung zu als zum Beispiel den ausgebildeten Pädagogen an der Schule.

Des Weiteren findet sich in diesem sogenannten Leitfaden ein weiterer Aspekt, der aufhorchen lässt. Die Anlage 2, einem Fragebogen für Eltern, die das Ministerium für Schule und Weiterbildung als Handlungsempfehlung beigefügt hat, führt für die Organisationsmöglichkeiten nach Klasse 6 das Fortführen des „gemeinsamen Lernens“ oder die Abbildung verschiedener Zweige auf. Dann jedoch folgt eine weitere Einschränkung für die Differenzierung nach der 6. Klasse, die von Seiten der Landesregierung in dieser Form bis dato nicht umfassend kommuniziert wurde: „Die Abbildung verschiedener Zweige ist nur bei Gemeinschaftsschulen mit mindestens vier Parallelklassen möglich“. Sollte diese Aussage im Rahmen des Schulversuchs rechtlich verbindlich sein, bedeutet dies nichts anderes als eine weitere von Seiten der rot-grünen Landesregierung herbeigeführte Einschränkung der Ausgestaltungsmöglichkeiten an den Schulen vor Ort und ein Mittel zur Verhinderung differenzierten Unterrichts.

Daher frage ich die Landesregierung:

1. Mit welcher Begründung werden die Klassengrößen an sogenannten Gemeinschaftsschulen, die ab der 7. Klasse nach Bildungsgängen differenziert unterrichten wollen, automatisch statt für 25 Schüler als Klassenfrequenzhöchstwert auf 29 Schüler pro Klasse hochgesetzt?

2. Wie genau stellt sich die Landesregierung organisatorisch und rechtlich die Entscheidungsfindung über die weitere organisatorisch-pädagogische Ausgestaltung ab der 7. Klasse zwischen Schulkonferenz und Schulträger vor?

3. Ist die genannte Bedingung, dass eine Differenzierung nach Bildungsgängen ab der 7. Klasse an sogenannten Gemeinschaftsschulen nur bei mindestens vier Parallelklassen erfolgen darf, verbindlich?

4. Wenn ja, warum hat die Landesregierung diese Bedingung in den vergangenen Wochen nicht offensiver kommuniziert?

5. Plant die Landesregierung noch weitere Einschränkungen, die an den sogenannten Gemeinschaftsschulen einen differenzierten Unterricht ab der 7. Klasse möglichst verhindern sollen?

Ingrid Pieper-von Heiden


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Ingrid Pieper-von Heiden


im Plenarsaal des Landtages

Im Gespräch


Ingrid Pieper-von Heiden, Wolfgang Gerhardt

Weiterbildung