www.fdp.de
Logo

Ingrid Pieper-von Heiden

für OWL im Landtag

Zwangsversetzungen und Abschlussgarantie für alle Schüler - Wie weit will die Landesregierung die Qualität des nordrhein-westfälischen Schulsystems besschädigen?

Kleine Anfrage 29

Mit Entsetzen haben viele an der Bildungsqualität interessierte Schüler, Eltern und Fachleute die Formulierungen zur Klassenwiederholung und zum Abschlusszwang an Schulen im rotgrünen Koalitionsvertrag sowie die diesbezüglichen Äußerungen von Schulministerin Sylvia Löhrmann in der Rheinischen Post vom 21. Juli 2010 zur Kenntnis genommen.

Aus Sicht der FDP-Landtagsfraktion stellt sich die aktuelle Problem lage wie im nachfolgenden Text beschrieben dar:
In diesem Interview greift die Schulministerin unsere nord rhein-westfälischen Gymnasien frontal an und erklärt, dass zu viele der Gymnasien mit dem Instrument des Sitzenbleibens arbeiteten und dass jede Schule, auch die Gymnasien, die volle Verantwortung übernehmen müssten, jedes aufgenommene Kind zum Abschluss zu führen. Gleichzeitig erklärt die Schulministerin, dass nach der Sommerpause entschieden werde, welche Bestandteile der "Schulreform" in Gesetzesform gegossen werden. Hierbei spricht sie von einer Vermeidung des Sitzenbleibens sowie dem Verbot des "Abschulens". Die Äußerungen der Schulministerin entsprechen den Formulierungen des rot-grünen Koalitionsvertrages. Dort wird angekündigt, dass jede Schule alle einmal aufgenommenen Schülerinnen und Schüler zum Abschluss führen müsse.

Unter liberaler Regierungsmitverantwortung wurde durch umfangreiche Maßnahmen die Wiederholerquote vom Schuljahr 2004/2005 zum Schuljahr 2009/2010 von 3,4 auf 2,4 Prozent gesenkt. Gleichzeitig ist in demselben Zeitraum die Sitzenbleiberquote an den von Schulministerin Löhrmann attackierten Gymnasien von 2,4 auf nur noch 1,3 Prozent besonders deutlich gesunken. Ebenfalls konnte im Vergleich zu der damaligen rot-grünen Landesregierung zwischen 2005 und 2009 die Zahl der Schulabgänger ohne einen Hauptschulabschluss von 6,9 auf 6,1 abgesenkt werden.

Klassenwiederholungen durch individuelle Förderung weitestgehend zu verhindern, ist stets ein wichtiger Bestandteil der Schulpolitik der gelb-schwarzen Vorgängerregierung gewesen. Die genannten amtlichen Daten belegen den Erfolg dieser Maßnahmen. Eine gesetzliche Abschaffung der Klassenwiederholung ist ein schwerwiegender Eingriff, der zwar Vergleichsstatistiken verschönern hilft, jedoch den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Schülerinnen und Schüler nicht entspricht. Auch wenn es sinnvoll ist, den Anteil der Klassenwiederholungen durch eine individuelle Förderung möglichst zu minimieren, gibt es Schülerinnen und Schüler, für die eine Wiederholung einer Klassenstufe sinnvoll ist und denen diese Wiederholung auch Chancen eröffnet, insgesamt wieder den Anschluss an ihr Leistungsumfeld zu gewinnen. Letzteres gilt oftmals auch dann, wenn zum Zeitpunkt der Entscheidung über eine Klassenwiederholung diese vom betroffenen Schüler nicht als erstrebenswert angesehen wird.

Die lebenspraktische Erfahrung zeigt allerdings, dass bei bestimmten Schülern oder in bestimmten Altersphasen die Einsicht in von außen vorgegebene Notwendigkeiten zur Erlangung einer Versetzung in die nächsthöhere Klasse oder den Verbleib in der gegenwärtigen Schulform fehlt. Richtig ist: Am besten lernt ein Schüler aus eigenem Antrieb und Bildungsinteresse freiwillig. Richtig ist aber auch: Besser, ein Schüler lernt für die Erlangung seiner Versetzung, als dass er gar nicht lernt, wenn Lernverweigerung und gravierende Leistungsdefizite für seine Schullaufbahn folgenlos sind.

Die Pläne der rot-grünen Minderheitenregierung muten um so grotesker an, da zeitgleich durch Abschaffung der Grundschulgutachten oder des Probeunterrichtes jedes an Potentialen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und gezeigter Leistung ausgerichtete Steuerungsinstrument für den Übertritt zur weiterführenden Schule abgeschafft wird. Das bedeutet im Klartext: Eltern können ein für die Anforderung eines Bildungsganges offenkundig ungeeignetes Kind dennoch an der gewünschten Schulform anmelden, und dieses Kind erwirbt nach Aufnahme dann die staatlich zugesagte Garantie zum Erhalt des schulformspezifischen Abschlusses innerhalb der regulären Schulzeit auch bei einer Verfehlung jedweder curricularer Anforderung.

Der ideologisch motivierte Zwang, alle einmal aufgenommenen Schüler an einer Schule zu einem Abschluss zu führen, wird zu einer massiven Beschädigung der Leistungs-und Chancengerechtigkeit durch die nahezu unausweichliche Heraufsetzung der Vornoten bei leistungsschwachen oder leistungsunwilligen Schülern, zu einer Niveauabsenkung des Unterrichts, zu einer Aushöhlung der Vergleichbarkeit des Notensystems und hieraus folgend im schlimmsten Fall mittelfristig zu einer Bedrohung der bundesweiten Anerkennung nordrheinwestfälischer Schulabschlüsse führen. Es ist kaum zu erwarten, dass eine größere Anzahl anderer Bundesländer dem rot-grünen Irrweg aus NRW auch folgen wird.

Wir fragen daher die Landesregierung:

1. Wie haben sich nach allen der Landesregierung vorliegenden Daten in den letzten fünfzehn Jahren in NRW jeweils jährlich und jeweils differenziert nach allen einzelnen Schulformen sowohl die Klassenwiederholungen als auch die Abschulungen in Prozent entwickelt?

2. Ist es zutreffend, dass nach den Plänen der Minderheitenregierung für alle Schulformen und Jahrgänge zukünftig sowohl eine Klassenwiederholung als auch ein Schulformwechsel überhaupt nur noch mit Zustimmung der Eltern des betroffenen Kindes und niemals gegen deren Willen mehr möglich sein wird?

3. Welche einzelnen Handlungsoptionen verbleiben nach Vorstellung der Schulministerin den Schulen, einen Schüler zum erfolgreichen Lernen zu motivieren, wenn dieser dauerhaft konsequent jede Leistungserbringung verweigert bzw. einem Schüler einen seinen Fähigkeiten entsprechenden Bildungsgang zu ermöglichen, wenn dieser Schüler bei fehlenden kognitiven Voraussetzungen gravierend die elementaren Lernziele der spezifischen Schulform in nahezu allen Fächern regelmäßig verfehlt und jede individuelle Förderung erfolglos geblieben ist?

4. Worauf bezieht sich die rot-grüne Abschlussgarantie für Schüler, die die eigentlichen Anforderungen eines Bildungsganges erkennbar nicht erfüllen: auf die Vergabe irgendeines Abschlusses (also im Zweifel für einen Gymnasiasten auch auf einen Hauptschulabschluss) oder die Garantiezusage, den für den jeweiligen Bildungsgang üblichen Regelabschluss in dem Fall zu bekommen?

5. Welche der anderen fünfzehn Bundesländer werden nach Einschätzung der Landesregierung innerhalb der kommenden fünf Jahre eine Schulreform einleiten. die in gleich gravierendem Umfang die faktische Abschlussqualität an ihren Schulen durch Anwendung desselben Bündels an leistungsfeindlichen Instrumenten in gleicher Weise absenkt?

Ingrid Pieper-von Heiden
Ralf Witzel


Druckversion Druckversion 

Ingrid Pieper-von Heiden


im Plenarsaal des Landtages

Im Gespräch


Ingrid Pieper-von Heiden, Wolfgang Gerhardt

Weiterbildung